Yves' Besuch bei Renei und Luis Gonzaga

March 3, 2020

An der Diplomübergabe haben die Kursabsolventen Renei und sein Onkel Luis Conzaga die ganze Maurer-Gruppe inkl. Kursleiter und Schweizer zu sich auf ein Mittagessen eingeladen. Ich habe sofort zugesagt. Was ich erst am Tag vor dem Festessen erfahre: Sie wohnen ca. 35km ausserhalb des Dorfes; nur mit dem Motorrad erreichbar und die Reisedauer hängt vom Regen ab. Yeah – ich freue mich drauf! Wir treffen uns um 07.30 am Dorfausgang richtig Grajau. Und dann geht’s auch schon los. Kursleiter voran – sind sie sich wohl gewohnt.

 

 

Die ersten 15km fahren wir auf einer Teerstrasse und die einzige Schwierigkeit ist, den Schlaglöchern und Tieren (Kühe, Hunde, Schlangen) auszuweichen. Klappt gut. Nach einer halben Stunde Fahrt durch eine traumhafte Landschaft werden wir langsamer und biegen nach rechts ab: Jetzt auf eine Sandpiste. Ich verliere mein Zeitgefühl, wir fahren immer weiter ins Wilde. Abwechselnd fahren wir durch Wald, gerodete Flächen und ab und zu kleine Flüsse. Irgendwann wird aus der Sandpiste ein Feldweg und zum Schluss ein ca. 20cm schmaler Pfad. Meine Mitfahrer sind sich nicht ganz sicher, wo wir gerade sind. Beruhigend. Ein alter Mann, der vor seinem Lehmhaus sitzt, beginnt auf die Frage von einem Kursabsolventen zu nicken. Wir scheinen nahe zu sein. Noch zwei Hügel im Schneckentempo und dann sind wir da.

 

 

Renei und sein Onkel Luis Conzaga kommen uns von einem kleinen Hügel her entgegen. Mir sticht sofort etwas ins Auge: Auf dem Hügel hinter den beiden thront ein Haus. Ich ahne bereits etwas. Wir fahren gleich mal hoch und stellen unsere Motorräder ab. Alle begrüssen sich sehr freundschaftlich, ich spüre eine sehr positive Stimmung. Die Kursabsolventen sind zu einer richtigen Gruppe zusammengewachsen; Kursleiter mittendrin. Und seit vier Wochen auch ein Schweizer: Ich konnte an den letzten vier Tagen des praktischen Kursteiles dabei sein. 

 

 

Wir nähern uns dem Haus und Renei beginnt voller Stolz zu erzählen: Nach den Theorielektionen des Maurerkurses haben er und sein Onkel parallel zum praktischen Kursteil hier mit den Bauarbeiten begonnen. Ich habe Gänsehaut. Gespart hätten sie schon lange; jedoch habe es nie gereicht, um einen Maurer anzustellen. Dazu kommt, dass es in der abgelegenen Region schwierig ist, überhaupt jemanden zu finden. Die beiden haben das Material im Dorf gekauft, liefern lassen und Schritt für Schritt das im Kurs Gelernte umgesetzt. Heute steht ein durchdachtes Haus; ca. 9m auf 12m. Mit zwei Zimmern und einem aus Ziegelsteinen erbauten Holzofen. Die Mutter von Renei (Schwester von Luis Conzaga) stösst dazu und verrät uns etwas: Renei hat vergangene Nacht zum ersten Mal im Haus hier übernachtet. Geschlafen hätte er nach eigenen Angaben jedoch nicht sehr gut. Ob das an den Dengue-Mücken, seiner Frau oder am Heimweh zu den Eltern lag, wird von allen ausgiebig diskutiert. Wohl eine Mischung aus allem. Wir setzen uns in den grossen Wohnraum. Alles wird von den anwesenden Maurern genau begutachtet und diskutiert. Wir sitzen alle im Wohnzimmer und Leónidas erwähnt nebenbei, dass er seit Montag nicht mehr als «Ajudante», also als Gehilfe tätig ist, sondern nun eine Anstellung als Maurer in einem lokalen KMU erhalten hat. Yeah!

 

 

Vor dem Essen schwingt Renei eine Rede. Für ihn sei es eine Ehre, alle hier begrüssen zu dürfen; vor allem den Schweizer. Er erzählt, dass alle Kursteilnehmenden gedacht haben, dieser Präsident der Schweizer Hilfsorganisation sei eher alt und korpulent, sie diesen wohl nie zu Gesicht bekommen würden und er wohl nur in Restaurants essen würde. Ich geniesse dementgegen aber jeden Moment mittendrin in freundlichen und einfachen Menschen und die extra für uns getötete Ente, Reis und Bohnen. 

 

Den Nachmittag verbringen wir mit Gesprächen über ausgetrocknete Flüsse, unterschiedliche Wasserpumpen, neu produzierte Ziegelstein-Modelle und örtlichen Gossip. Was neu diplomierte Maurer im abgelegenen «Vale Esperança» halt so beschäftigt. Wir runden den Abenteuer-Trip mit einem Bad im Fluss ab. Die 35 Grad lassen mich die Schlangen und Krokodil-Erinnerungen vergessen. Wir finden Kokosnüsse. Meine Gastfamilie hat mir gelernt, wie man diese öffnet. Ich kann mit meinen Macheten-Fähigkeiten überzeugen und fühle mich in genau diesem Moment sehr weit weg von meinem Schweizer Alltag.